Die „Allianz der Willigen“ und das Streben nach Zirkulärer Wertschöpfung im Land NRW

Friederike von Unruh vom Prosperkolleg Team.

von Friederike v. Unruh

Am 03.09.2020 veranstaltete das Virtuelle Forschungsnetzwerk Zirkuläre Wertschöpfung NRW sein fünftes Forschungs-Web-Seminar. Patrick Gütschow vom Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes NRW (MWIDE.NRW) war der Einladung gefolgt und sprach „über die Genese des Forschungsnetzwerks und das Bestreben nach Zirkulärer Wertschöpfung in der Wirtschaft des Landes NRW“. Er ist Mitglied des Referats III.1 „Neue Wirtschaftstrends und neue Wirtschaftsinstrumente“ im MWIDE.NRW. In diesem Referat wurde die Zirkuläre Wertschöpfung (ZW) in 2014 als ein wirtschaftspolitisches Innovationskonzept identifiziert nach dem zukünftig im Land NRW gewirtschaftet werden soll.

Der Vortrag begann zunächst mit der Erläuterung, wie das Wirtschaftsministerium mit der ZW in Kontakt gekommen ist. Herr Gütschow erklärte, dass man sich Mitte 2014 durch die Mitarbeit am ressortübergreifenden Zukunftsdialog „Fortschritt NRW“ mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Prof. Braungart, einer der Entwickler des Cradle-to-Cradle-Konzepts, machte zudem damals bei Staatsminister Duin auf das Thema aufmerksam. Daraufhin wurde die Durchführung einer Potenzialanalyse veranlasst. Im Sommer 2016 startete eine Art Implementierungsphase für die ZW in NRW, in der der Netzwerkaufbau und die Entwicklung von Transferaktivitäten im Vordergrund standen. Herr Gütschow äußerte, dass man dabei sowohl intern als auch extern Überzeugungsarbeit leisten musste.

Aber warum möchte nun ein Wirtschaftsministerium ein Forschungsnetzwerk aufbauen? Herr Gütschow erklärte, dass es das Ziel sei, das Konzept der ZW im Ministerium zu verankern. Zu diesen Zweck wurde im Wirtschaftsministerium eine abteilungsübergreifende Arbeitsgruppe gebildet, die leider scheiterte, da es zu wenig Input gab und keine Substanzbeiträge entwickelt wurden. Ab 2017 wurde daraufhin die Arbeitsgruppe in eine hausinterne Veranstaltungsreihe umgewandelt, in der verschiedene externe Akteure Beiträge erbrachten. Zudem wurde weiter überlegt, wie man das Thema weiter inkubieren kann, so dass es eng mit dem Wirtschaftsministerium verbunden wird. Gesprächsrunden mit ausgewählten Landesclustern und weiteren Multiplikatoren wurden aufgenommen und erhielten viel Zuspruch. Hier entstand die Idee einen Runden Tisch ins Leben zu rufen, der seit 2018 durchgeführt wird.

Die Veranstaltungen zeigten, dass die Teilnehmer*innen überwiegend Multiplikatoren waren oder aus der akademischen Szene stammten. Dies begründet Herr Gütschow damit, dass das Thema ZW anscheinend noch nicht genug ‚Marktreife‘ für Unternehmen besitzt. Zudem werden Unternehmen, die bereits zirkuläre Strategien verfolgen, nicht erkannt, da die Unternehmensanzahl im Bundesland NRW insgesamt sehr hoch sei und Aktivitäten der Unternehmen häufig nicht unter dem Begriff der ZW liefen. Deshalb müsse man mit „einer Allianz der Willigen“ zusammenarbeiten, um das Thema voranzubringen.

Warum das Projekt Prosperkolleg beauftragt wurde, ein Forschungsnetzwerk zu entwickeln, beantwortet Herr Gütschow zum einem damit, dass akademische Akteure ein großes Interesse für dieses Forschungsfeld mitbringen und dieses in Zukunft noch an Bedeutung gewinnt. Zum anderen damit, dass für den Transformationsprozess „Pioniere des Wandels“ benötigt werden, was häufig junge Köpfe seien. Die junge Generation kann als „Change Agents“ gesehen werden. Über die akademischen Akteure und die Lehre soll das Konzept der ZW in die Köpfe der Studierenden und Absolventen gelangen und somit die Unternehmen erreichen. Ein solches Forschungsnetzwerk zu managen erfordert viele Kapazitäten, weshalb diese Aufgabe dem jungen Prosperkolleg-Team übergeben wurde und nicht im Referat III.1 „Neue Wirtschaftstrends und neue Wirtschaftsinstrumente“ angesiedelt ist.

In der anschließenden Fragerunde wird darauf hingewiesen, dass der Transfer vom Forschungsnetzwerk zur Politik und den Unternehmen nicht fehlen dürfe. In Bezug dazu wurde nochmals auf den Runden Tisch verwiesen, bei dem Projekte vorgestellt werden und über aktuelle Entwicklungen informiert wird. In einer weiteren Wortmeldung wurde angemerkt, dass die Unruhe, die die Corona-Pandemie in der Wirtschaftswelt ausgelöst hat, auch etwas Positives mit sich bringen kann. Plötzlich werden Unternehmensstrategien überdacht und Nachhaltigkeit spielt eine viel größere Rolle. Gleichzeit zeigte ein Unternehmer auf, wie schwierig es ist, aktiv ZW zu betreiben, denn durch behördliche Verordnungen werden Unternehmen häufig deutlich ausgebremst und zahlen sogar mehr, wenn sie zirkuläre Strategien verfolgen. Zudem wird nochmal auf die „transition agents“ eingegangen und deren Verknüpfung mit Lehrenden und Unternehmen. Diese Verbindung ist clever gewählt, da man Unternehmen über das Thema Fachkräftemangel und nicht nur über die Nachhaltigkeit erreicht. In diesem Sinne wird im kommenden Semester eine Vorlesungsreihe gestartet mit dem Namen „Zirkeltraining“. In einer Art Ringvorlesung sollen hier Studierende Projekte und Unternehmen kennenlernen und für die ZW begeistert werden.

Weiter geht Herr Gütschow auf die ZW-Handlungsfelder des Ministeriums ein. Er weist daraufhin, dass es in einer Demokratie aufgrund der Diskontinuität nicht immer gegeben sei, dass vermeintlich kleinere Themen wie die ZW dauerhaft überleben.

Das erste Handlungsfeld zielt auf die Identifizierung und Vernetzung von Akteuren ab. Diese sollen durch Präsenzveranstaltungen, Gespräche, Recherchen in Datenbanken oder Newsletter entdeckt werden. Es ist sehr schwierig Unternehmen zu identifizieren, die bereits zirkuläre Geschäftsmodelle haben, da im Land NRW sehr viele Unternehmen existieren und diese ihre Strategie nicht unbedingt nach außen kommunizieren. Zukünftig sollen neben den bestehenden Maßnahmen Recherchen bei externen Dienstleistern beauftragt werden, um ZW-Anwendungsbeispiele aus Unternehmen ausfindig zu machen.

Ein zweites Handlungsfeld ist die Gewinnung von Multiplikatoren und weiteren Unterstützern. In anderen Ländern steht das Thema ZW viel höher auf der Agenda. Dafür möchte das MWIDE.NRW die allgemeine Verankerung des Themas verbessern. Zudem könnte der Runde Tisch ausdifferenziert werden und es könnten homogenere Fachthementischen organisiert werden. Generell muss aber auch die Frage geklärt werden, wie auf Akteure reagiert werden soll, die das Konzept der ZW exklusiv für sich beanspruchen wollen. Neben der Begleitung von regionalen Aktivitäten möchte man in Zukunft den Austausch über die ZW auf Bundesebene fördern. Momentan gibt es auf Bundesebene noch kein verankertes ZW-Konzept. Auch soll NRW als Partner in verschiedenen Netzwerken
sichtbarer gemacht werden, als Beispiel nennt Herr Gütschow das World Circular Economy Forum sowie den Circular Economy Hotspot.

In der Kommunikation und Begleitung von Fördermaßnahmen für die ZW wird der Fördermarkt genau beobachtet. Bestehende Projektinitiativen sollen weiter begleitet werden und eine ZW-Demonstrationsplattform aufgebaut werden. Auch ist dem MWIDE.NRW eine Verstetigung der Projektergebnisse aus dem Prosperkolleg wichtig. Zudem wird geplant, Gründungen mit zirkulären Geschäftsmodellen stärker zu fördern. Auf der Ebene der Verbraucher*innen möchte man enger mit der Verbraucherzentrale zusammenarbeiten. Die Verbraucherzentrale hat bereits einige Aufklärungskampagnen durchgeführt.

Eines der zwei nach innen gerichteten Handlungsfelder ist der Aufbau eines „Back Offices“. Der Wunsch wäre, zukünftig eine Unternehmensdatenbank aufzubauen sowie den Web-Auftritt und Präsentationsunterlagen zu professionalisieren.

Das fünfte Handlungsfeld setzt sich zum Ziel, die eigene Qualifizierung im MIWDE.NRW voranzutreiben und die ZW-Landschaft besser kennen zu lernen. Hierfür möchte man weiter Studien, Berichte und Analysen zur ZW monitoren sowie an verschiedenen thematisch passenden Online-Formaten teilnehmen.
Am Ende kam die Frage auf, wie die scheinbar vielzähligen Good-Practice-Beispiele aus dem Ausland einzuordnen seien, worauf Herr Gütschow anmerkte, dass diese nicht immer so hoch innovativ sind, wie man dies erwarten würde. Häufig gehe es nur um Kleinigkeiten, dass zum Beispiel der Verschnitt weiterverarbeitet werde. Trotzdem können sich die Deutschen von der Art der Kommunikation von den anderen Ländern einiges abschauen.

Von den Teilnehmer*innen des Web-Seminars kam großes Lob für den Einsatz des Referats die ZW in NRW trotz eines kleinen Teams vorantreiben zu wollen. Auch das Prosperkolleg dankt Herrn Gütschow für die spannenden Einblicke und den interessanten Austausch sowie für das Engagement die ZW in NRW und darüber hinaus zu stärken.

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