CEresearchNRW: Die Förderung nachhaltiger Gewerbegebiete und der Wunsch nach Industriellen Smybiosen

Friederike von Unruh vom Prosperkolleg Team.

von Friederike v. Unruh

Das zehnte Web-Seminar des Virtuellen Forschungsnetzwerks Zirkuläre Wertschöpfung NRW (CEreserachNRW) setzte sich mit den Potenzialen und Herausforderungen von nachhaltigen Gewerbegebieten sowie dem Bestreben, industrielle Symbiosen zu erzeugen, auseinander.

Prof. Dr. Franz und Carolin Schack von der Arbeitsgruppe Humangeographie mit wirtschaftsgeographischen Schwerpunkt der Universität Osnabrück stellten Ihre Arbeit im Projekt „Grün statt Grau – Gewerbegebiete im Wandel[1] vor. Dabei gingen sie insbesondere auf die Motivation und Vernetzung von Unternehmen ein. Prof. Franz begann den Vortrag mit den Herausforderungen alter Gewerbegebiete: In diesen gibt es häufig zu viele versiegelte Flächen, Bodenbelastungen und Hitzeinseln. Zudem sind sie verkehrstechnisch nicht unbedingt gut angebunden und haben ein negatives Image. Dies reduziert die Attraktivität für Unternehmen sich dort niederzulassen. Prof. Franz betonte aber auch, dass die Kommunen ein Interesse an der Erneuerung und Entwicklung von nachhaltigen Gewerbegebieten haben, denn sie schaffen und sichern Arbeitsplätze und erwirtschaften Gewerbesteuer.

In den Gewerbegebieten stecken enorme Potenziale für die nachhaltige Gestaltung, so kann zum Beispiel durch die Begrünung von Fassaden, Dächern oder Innenhöfen die Luftqualität verbessert und Lärm reduziert werden. Das Projekt „Grün statt Grau“ möchte diese Potenziale nutzen und Konzepte erarbeiten und erproben, wie nachhaltige Gewerbegebiete ein attraktiver Bestandteil der nachhaltigen Stadt sein können. Dazu können Bäume, Grünflächen und Pflanzen in die Gewerbegebiete integriert werden, egal ob an den Gebäuden, in den Straßen, auf den Grundstücken oder an freien Plätzen. Diese Maßnahmen dienen dem Dreiklang aus Biodiversität, Gesundheit und Klimaanpassung.

Wie werden Unternehmen nun ermutigt diese Aktivitäten umzusetzen? Und welche Rolle spielen Netzwerke dabei? Untersuchungen zeigen, dass Netzwerke „wichtige Treiber für einen nachhaltigen Wandel[2] und somit auch von großer Bedeutung für die Entwicklung nachhaltiger Gewerbegebiete sind. Denn nach Ajzens Theorie des geplanten Verhaltens haben subjektiv wahrgenommene Normen des sozialen Umfeldes einen großen Einfluss auf das eigene Verhalten.

In der ersten Förderphase des Projekts wurden 23 qualitative Interviews mit Unternehmen sowie 19 mit Vertreter:innen von Stadtverwaltungen durchgeführt. Zudem gab es eine quantitative Unternehmensbefragung und Netzwerkanalysen. Die Ergebnisse zeigen zum Beispiel die Argumente von Unternehmen zur Implementierung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen. Dazu zählen eine steigende Aufenthaltsqualität, Mitarbeiter:innenzufriedenheit oder auch das Image und die Ästhetik. Zu den Argrumenten dagegen zählen hohe Kosten, die Komplexität des Themas und der Zeit- und Planungsaufwand.

Im Folgenden berichtete Frau Schack nun vom Unternehmensnetzwerkaufbau in unterschiedlichen Gewerbebieten. Im ersten Schritt wurde eine Aufbruchstimmung erzeugt. Hierfür können Gebietsmanager:innen eingesetzt werden, die als Intermediäre dienen, sowie verstärkte Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden. Zudem ist es wichtig sogenannte Change Agents zu identifizieren und erste einfache Maßnahmen umzusetzen. Es ist ratsam themenoffen zu beginnen und keine Veranstaltungsformate vorzugeben. Gerade in dieser Phase sollte man sich Zeit lassen, sich gegenseitig kennenzulernen und ortsspezifische Bedarfe zu erfragen. Durch die Vereinbarung einer gemeinsamen Zielsetzung kann die gemeinschaftliche Identität gestärkt und die öffentliche Sichtbarkeit erhöht werden.

Für den Netzwerkaufbau sollte ein eher niederschwelliger Einstieg verwendet werden, z. B. durch die Ausrichtung von Straßenfesten, Business-Frühstücken oder Infoständen. Auch Kontinuität spielt im Netzwerkaufbau eine wichtige Rolle. Bei regelmäßigen Stammtischen können die Akteure sich miteinander austauschen. In der Netzwerkarbeit sollte immer die Frage im Vordergrund stehen, welche Bedürfnisse das zu transformierende Gewerbegebiet hat. Die für ein Gewerbegebiet passgenauen Angebote sollten zudem gut kommuniziert und bekannt gemacht werden; denn nicht alle Unternehmen sind von Anfang im Aufbauprozess involviert.

Nach den ersten Vernetzungsaktivitäten fängt die Netzwerkarbeit erst richtig an: Der Austausch und die persönlichen Beziehungen bedingen neue Projekte. Zur Weiterführung der Arbeit sind kommunale Förderprogramme, Verstetigung und politischer Wille notwendig. Auch der Austausch zwischen Kommunalvertreter:innen aus verschiedenen Städten kann neue Ideen einbringen. Jedoch besteht immer auch die Gefahr, dass die Arbeit einschläft, wenn Erfolge ausbleiben oder einzelne zentrale Akteure wegbrechen.

In einem zweiten Vortrag gab Julia Böhm (Wirtschaftsförderung Stadt Bottrop/ Prosperkolleg) einen Einblick in die kommunale Perspektive nachhaltiger Gewerbegebiete. Zu Beginn Ihres Vortrags erklärte sie, dass ein Fünftel der deutschen CO2-Emissionen von der deutschen Industrie verursacht werden.[3] Alleine schon in NRW gibt es 4000 Gewerbegebiete.[4] Jedoch arbeiten diese eher einzelwirtschaftlich, obwohl die Vernetzung von Unternehmen große Potenziale mit sich bringen würde.

Zunächst ging Frau Böhm auf den planerischen Ansatz in Gewerbegebieten ein: Hier fokussiert man sich auf Boden & Wasser, Stadtklima, Energie sowie Mobilität & Logistik. Im Bereich Boden & Wasser geht es um die Integration von Regenrückhaltebecken für das Sammeln von Niederschlag. Zudem können wenig befahre Straßen entsiegelt und Dächer begrünt werden. Auch für das Stadtklima können Dächer und Fassaden begrünt werden. Um den hohen Energiebedarf in Gewerbegebieten zu decken, können Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern sowie die Abwärme genutzt werden. Zudem verringert eine energieeffiziente Gebäudebauweise den Energiebedarf. Auch sollte Strom aus erneuerbaren Energiequellen verwendet werden. Im Bereich Mobilität und Logistik bietet sich die Möglichkeit Verkehrswege zu verkürzen. Ein Standortleitsystem, eine fahrradfreundliche Infrastruktur, der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, der Einsatz von Elektroautos oder eine Pendlerbörse für Beschäftigte bieten nachhaltige Lösungen.

Für die Netzwerkbildung in Industriegebieten ist der Einsatz von Gebietsmanager:innen von großer Bedeutung. Sie können sensibilisieren und vernetzen, aber auch Veränderungsmöglichkeiten aufzeigen. Da für die Entwicklung und das Management von Gewerbegebieten viele Fachbereiche in der Verwaltung zuständig sind, kann hier gut vermittelt werden. Zudem versucht man Unternehmensnetzwerke aufzubauen, um (wirtschaftliche) Synergien zwischen den Unternehmen zu nutzen. Dabei hat die Stadt jedoch nur begrenzten Einfluss, sie kann jedoch die Netzwerkbildung anstoßen.

Am Ende Ihres Vortrags ging Frau Böhm kurz auf die Praxis ein: Denn dort sieht es häufig ganz anders aus. Gerade in bestehenden Gewerbegebieten in Bottrop ist es schwierig industrielle Symbiosen zu erzeugen, denn es gibt zum Beispiel bei Reststoffen von anderen Unternehmen keine Verlässlichkeit und vertragliche Bindung darüber, was sie wirklich wann genau liefern sollen bzw. können. Zudem sind die Standorte der Unternehmen bereits vergeben oder es gibt nur eine begrenzte Auswahl an Bewerbungen bei der Vergabe.

Jana Nicolas (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wuppertal Institut) ging in dem dritten Vortrag auf die Frage ein, wie die Entstehung regionaler industrieller Symbiosen unterstützt werden können. Mit industriellen Symbiosen meint sie das symbiotische Miteinander im unternehmerischen Umfeld, das für alle Beteiligten Vorteile mit sich bringt. Dabei können zum Beispiel Restmengen und Materialien sowie Energie, aber auch Kapazitäten oder Infrastrukturen zwischen Unternehmen ausgetauscht bzw. gemeinsam genutzt werden.

Zunächst stellte Frau Nicolas die Frage, was die Erfolgsfaktoren oder Hemmnisse der industriellen Symbiosen sind. Der wichtigste Aspekt ist das Vertrauen. Unternehmen müssen Daten und Informationen zu ihren Prozessen und zum Beispiel der Materialqualität preisgeben und weitergeben und davon ausgehen, dass man mit diesen vertrauenswürdig umgeht. Auch müssen Angebot und Nachfrage zusammengebracht werden. Häufig wissen Unternehmen gar nicht richtig, was ihre Nachbar:innen produzieren und verkaufen. Hierbei spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Zudem ist die Vernetzung der Unternehmen ein wichtiger Faktor. Die Unternehmen müssen sich erst kennen lernen bevor ein Austausch stattfinden kann. Hierbei sind die Transaktionskosten meist sehr hoch: Die Unternehmen müssen neben ihren Aufgaben im Tagesgeschäft ihre potenziellen Partner:innen finden. Zudem ist der Datenbedarf in industriellen Symbiosen sehr hoch. Die Symbiose muss in bestehende Prozesse eingegliedert werden, welche planbar sein müssen. Auch rechtliche Aspekte sind nicht zu vernachlässigen. Wenn Materialien als Abfall deklariert wurden, dürfen diese nicht mehr weitergegeben werden.

Im Forschungsumfeld digital unterstützter regionaler industrieller Symbiosen müssen unterschiedliche Fragestelllungen adressiert werden. Etwa wie umfangreich eine digitale Unterstützung sein muss und wie viel weiterhin durch „analoge“ Angebote und Services und eigenes Engagement der Unternehmen abgedeckt werden muss. Insbesondere ist es interessant, inwieweit digitale Lösungen den kreativen Anteil, den es braucht, um neue Lösungen und Verwendungsmöglichkeiten für Materialien zu entdecken, unterstützen können. Auch sollten langfristige Fragestellungen miteinbezogen werden, denn z. B. können sich rechtliche Aspekte verändern.

Zudem stelle Frau Nicolas das aktuelle regionale Forschungsprojekt InSym vor, welches die bedarfsgerechte digitale Unterstützung zur Entstehung industrieller Symbiosen erarbeitet. Hier sollen zwei Modellsymbiosen entstehen sowie ein Netzwerk, welche durch Symbiose-Manager:innen unterstützt werden. Natürlich erschwert die Corona-Pandemie die Vernetzungsaktivitäten, da keine klassischen Vernetzungsveranstaltungen wie geplant umgesetzt werden können. Digitale Vernetzung ist da eine Möglichkeit, sie ersetzt aber nicht den persönlichen Austausch. Zudem wird in dem Projekt ein Transfer-Handbuch zur Entwicklung und technischer Umsetzung regionaler Symbiosen erarbeitet. Auch ein aktiver Arbeitskreis regionaler Unternehmen wird ins Leben gerufen werden, genauso wie der Aufbau einer digitalen Unterstützung. Die Übertragung auf weitere Regionen steht im Vordergrund.

In einem vierten Vortrag gingen Roman Wolf (Zero Emission GmbH) und Marius Beckamp (Institut Arbeit und Technik) auf das Projekt SymbotiQ (Symbiotische Gewerbegebiete: Nachhaltige Ansätze, Potenziale für die Strukturwandelregionen sowie Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit auf nutzungsgemischte Quartiere) ein. Das Projekt geht der Frage nach, wie ein prototypisches, symbiotisches Gewerbegebiet aussehen könnte, welche Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden müssen und wie die Übertragbarkeit aussieht?

Herr Beckamp ging zunächst auf eine erweiterte Definition industrieller Symbiose ein, die sich derjenigen von Frau Nicolas sehr ähnelte. Die Industrielle Symbiose wird demnach durch den lokalen Austausch von Materialien, Energie, Wasser und Nebenprodukten sowie die Nutzung von Flächen und Infrastrukturen durch mehrere Unternehmen beschrieben. Zudem können Dienstleistungen von mehreren Unternehmen genutzt werden. Bislang haben industrielle Symbiosen in Deutschland eine geringe Bedeutung. Momentan findet eher ein bilateraler Austausch zwischen Unternehmen statt. In Deutschland sind in diesem Bereich Kraftwerkstandorte sowie Chemie- und Industrieparks Vorreiter. Bei Forschungsarbeiten hinsichtlich bestehender Symbiosen in Gewerbegebieten stößt man immer wieder auf das Problem, dass Ansprechpartner:innen fehlen und Besitz und Nutzungsstrukturen sehr heterogen sind.

Um Hemmnisse und Erfolgsfaktoren für industrielle Symbiosen zu erörtern, wurden Experteninterviews geführt, die eher top-down Ansätze beschreiben. Gerade in der Wirtschaft ist es noch ein Nischenthema. Hier besteht Mangel an Wissen, Daten, Ressourcen und etablierten Verfahren. Die Standorte sind kaum miteinander vernetzt und es gibt keine etablierte Förderkulisse.

Als Erfolgsfaktoren für Kommunen nennt Herr Wolf unter anderem die aktive Bestandspflege, also Kontakte zu nutzen und zu aktivieren, das zuvor angesprochene ressortübergreifende Vorgehen und die Bereitstellung von Investitionsmitteln für Maßnahmen. Zudem ist der Austausch am Standort sehr wichtig, da dort häufig kaum Kommunikationsstrukturen existieren. Als Hemmnisse wurden zum Beispiel Informationslücken über Standorte, fehlende personelle Kapazitäten und nicht vorhandene Investitionsmittel identifiziert.

Die Hemmnisse bei Unternehmen sind sich neben mit dem Tagesgeschäft mit anderen Unternehmen auszutauschen. Die Arbeit kann deshalb zunächst mit einer kleinen Allianz der Willigen gestartet werden. Zudem ist meistens die Datenlage bei Unternehmen eher schlecht, so dass Potenziale im Bereich der Ressourceneffizienz schlecht abgeschätzt werden können. Eine große Branchenvielfalt kann Vor- und Nachteil zugleich sein. Auf der einen Seite ist es schwer alle miteinzubeziehen, auf der anderen Seite bietet die Vielfalt größeres Matching-Potenzial. Als Erfolgsfaktor stellte sich auch der Einsatz von Gewerbegebiets-Manager:innen heraus, der die Kommunikation zwischen den Unternehmen unterstützt und im Gewerbegebiet auftretende Probleme löst.

[1] Verbundprojekt gefördert vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung innerhalb des Rahmenprogramms „Forschung für Nachhaltige Entwicklungen“ (FONA); Erste Förderphase: Juli 2016 – September 2019; Zweite Förderphase: Oktober 2019 – September 2021

[2] Schneidewind, U. (2011): „Nachhaltige Entwicklung – wo stehen wir? UNESCO heute“, Nr. 2/2011, S. 9.

[3] Bundesumweltministerium 2016

[4] Aktionsplan Gewerbegebiete 2019

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