CEresearchNRW: Reparieren statt wegwerfen?

Friederike von Unruh vom Prosperkolleg Team.

von Friederike v. Unruh

Am 04.02.2021 fand das neunte Web-Seminar des Virtuellen Forschungsnetzwerks Zirkuläre Wertschöpfung NRW (kurz: CEresearchNRW) statt zum Thema „Reparieren statt wegwerfen – Gewollt, gefordert, gescheit?“.

Roman Zeiss, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität zu Köln am Cologne Institute for Information Systems, stellte seine aktuelle Forschungsarbeit „iRepair or I Repair? Wie digitale Produkte neue Formen von Sekundärmarktkontrolle ermöglichen“[1] vor. Zu Beginn seines Vortrages ging Herr Zeiss darauf ein, wie physische Gebrauchsprodukte immer digitaler werden: Geschätzt kommen weltweit aktuell auf einen Menschen circa sechs digitale Objekte. Aber was passiert mit den Produkten, wenn sie nicht mehr funktionieren? Im Fokus stehen hier Konzepte wie die Circular Economy, welche auf die Verlängerung der Produktlebensdauer abzielt. Gleichzeitig wurde aber auch eine Veränderung des Sekundärmarktes beobachtet: Während früher die Kundenbindung über vertragliche und technische Aspekte entstanden ist, entsteht diese heute über digitale Komponenten. Herr Zeiss zeigte dies am Beispiel eines Druckers auf. Damals hat der Hersteller zwar bestimmte Druckerpatronen empfohlen, jedoch war der/die Nutzer:in frei, das Herstellerprodukt oder eine Alternative zu wählen. Heutzutage erkennt der Drucker jedoch über Sensoren, dass eine Alternativpatrone verwendet wird, und zeigt eine Fehlermeldung an, in der die Verwendung der Originalpatronen gefordert wird. Diese digitale Kontrolle wurde auch bei anderen Produkten beobachtet.

Es entstand die These, dass die Digitalisierung den Herstellern mehr Kontrolle über den Sekundärmarkt ermöglicht. Die vorgestellte Fallstudie untersuchte den iPhone Reparaturmarkt, da das Smartphone das meistgenutzte digitale Produkt ist und es viele verfügbare Datenquellen gibt. Im Apple-Sekundärmarkt kann zwischen „Internen Reparateuren“, welche die Reparaturen übernehmen, wenn ein Produkt bei Apple eingeschickt wird, den von Apple „autorisierten Reparateuren“ und den „unautorisierten Reparateuren“ differenziert werden, welches unabhängige Reparateure sind.

Im Rahmen der Studie wurden nun Reparatur-Events in Interviews und Observationen explorativ aufgedeckt und Kontroll-Events identifiziert und kategorisiert. Die Kontrollevents bestehen dabei aus der Kontrollursache und Kontrollwirkung. Die Kontrollmittel können regulatorischer, physischer oder digitaler Natur sein, während der Kontrollmodus Input-, Prozess-, oder Output-bezogen ist. Als Beispiel für regulatorische Input-Kontrolle kann die eingeschränkte Zugänglichkeit zu Original-Werkzeugen gesehen werden. So führte Apple mit dem iPhone 4 die Pentalobe-Schraube ein, zu der es zu dem Zeitpunkt auf dem Markt kein passendes Werkzeug gab. Ein Beispiel für die digitale Prozesskontrolle ist, dass beim Akkutausch eines iPhone XS im Nachgang bei den Nutzer:innen immer dann eine Servicemeldung auftaucht, wenn dieser nicht von einem autorisierten Reparateur, mit Zugang zu notwendiger Reparatursoftware, gewechselt wurde. Neben regulatorischer Output-Kontrolle, wie beispielsweise dem Verfall der Garantie, bietet die digitale Output-Kontrolle Herstellern die Möglichkeit lange nach der Durchführung nichtautorisierter Reparaturen die dadurch generierte Wertschöpfung per Software Updates im Positiven wie Negativen zu beeinflussen.

Die Untersuchung zeigt, dass insbesondere die digitale Kontrolle der Hersteller über den Sekundärmarkt stark zugenommen hat. Durch die Digitalisierung bekommen Hersteller nun mit, wenn zum Beispiel nicht eigene Ersatzteile verwendet werden. Früher fielen diese Modifikationen nur auf, wenn das Gerät wieder zum Hersteller zurückgeschickt wurde.

In einem zweiten Vortrag ging Philip Heldt von der Verbraucherzentrale NRW auf das Thema „Reparatur vs. Obsoleszenz, Anforderungen und Wirklichkeit aus Verbrauchersicht“ ein und erklärte, dass das Thema Obsoleszenz bei den Verbraucher:innen noch nicht ganz angekommen sei. Zu Beginn des Vortrages stellte Herr Heldt eine Umfrage[2] vor, die zeigt, dass 59 % der Verbraucher:innen[3] keinen Versuch unternähmen, Elektrogeräte zu reparieren. Die Gründe dafür waren recht unterschiedlich. Die Verbraucher:innen hatten angegeben, dass die Geräte nicht mehr reparierbar seien, sie sowieso ein neues Gerät wollten, eine Reparatur zu teuer sei oder eine Reparatur sich nicht mehr lohne, da das Gerät sowieso nicht mehr lange gehalten hätte. Herr Heldt ging darauf ein, dass es sich grundsätzlich lohne, Produkte zu reparieren und diese dann länger zu nutzen, da die Ressourcen bereits in der Produktionsphase aufgewendet wurden. Ausnahmen gäbe es bei energieintensiven Produkten, die in der Nutzungsphase dann weniger Strom verbrauchen.

„Wer billig kauft, kauft zwei Mal!“ lautet ein altes Sprichwort, welches Herr Heldt aufgriff. Laut der Stiftung Warentest ist dies auch immer noch aktuell. Der Kaufpreis hat heutzutage wenig Aussage. Es ist unklar, wann man wirklich für Qualität zahlt. Nur wenige Hersteller werben mit langer Lebensdauer. Zudem gibt es auch kein Siegel. Billige Produkte gehen schneller kaputt, jedoch ist der Umkehrschluss auch nicht richtig. Ein Problem liegt darin, dass Verbraucher:innen kaum die Möglichkeit haben, qualitativ hochwertige Produkte zu erkennen. Häufig sind Kunststoffteile, Wanderstiefel und Ladekabel nicht auf eine lange Nutzungsdauer ausgelegt. Jedoch gibt es nur wenige Studien zu geplanter Obsoleszenz, die dies beweisen. Um gute Produkte zu kaufen, müssen die Kund:innen sich selbst informieren. Die Hersteller geben an, dass die Kund:innen sowieso nur billige Produkte wollen, insbesondere im neuen Design und innovativer als das Alte. Die Verbraucherzentrale erlebt täglich in Ihrer Beratung, dass aber nicht alle Verbraucher:innen Lust haben ständig neue Produkte zu kaufen.

Er betonte auch die Rolle des Marketings von Unternehmen, die eher mit neuen, innovativen Produkten werben, auch wenn es sich oftmals nur um kleine Verbesserungen handelt und damit Verbraucher:innen zu einem Neukauf anregen. Bisher werben nur wenige Unternehmen mit langlebigen Produkten und solider Qualität. Die Marketingausgaben mancher Unternehmen überschreiten die Entwicklungskosten oft um ein Mehrfaches und wären besser in die Qualität der Produkte investiert.

Herr Heldt stellte verschiedene Formen der Obsoleszenz vor: Bei der psychologischen Obsoleszenz werden funktionsfähige Produkte ersetzt, da sie aus der Mode gekommen sind. Davon profitiert zum Beispiel auch die Mode-Industrie. Die Modezyklen werden immer kurzlebiger, so dass es nicht auffällt, dass die Qualität der Kleidungsstücke sinkt. Bei der funktionalen Obsoleszenz würde das Gerät eigentlich noch funktionieren. Jedoch wird das Betriebssystem durch Software-Updates nicht mehr unterstützt.

Als Lösung rät Herr Heldt den Verbraucher:innen, die Hersteller anzuschreiben und mitzuteilen, dass man ein solches Produkt nicht wiederkaufe. Aber es gibt auch immer mehr Initiativen, die sich solchen Problemen annehmen. In Repair-Cafés helfen Ehrenamtliche den Verbraucher:innen, ihre kaputten Geräte zu reparieren. Immer mehr steht aber auch das Leihen von Produkten im Fokus, da viele von ihnen nur wenige Minuten im Jahr Verwendung finden. Neue Nutzungsmodelle fördern die Nachhaltigkeit, jedoch sind momentan häufig die Leihgebühren noch zu hoch. Im Gebrauchtwarenhandel können Dinge erworben werden, für die jemand anders keine Verwendung mehr findet. Die Zeit ist reif für mehr solcher Angebote. Das Internet hilft den Verbaucher:innen bei der Abwicklung. Die Verbraucherzentrale setzt sich für die Integration der Langlebigkeit in den Ökorichtlinien ein, und möchte, dass das ElektroG zum Beispiel für Akkus angepasst wird. Auch ist die Verbraucherzentrale Teil des Runden Tisches Reparatur.

Zum Schluss empfahl Herr Heldt, robuste Produkte zu kaufen und sich über Testberichte online sowie im Freundes- und Bekanntenkreis zu informieren. Wichtig seien auch die Herstellergarantien und das Erkennen von Sollbruchstellen.

Es scheint also trotz zunehmender Kontrolle der Hersteller über den Sekundärmarkt Möglichkeiten zu geben, Produkte gemäß der Zirkulären Wertschöpfung zu reparieren statt sie wegwerfen.

[1] Zeiss, Roman/ Recker, Jan / Müller, Mario

[2] Vgl. Jaeger-Erben/ Hipp, 2017 (Working Paper)          

[3] Befragung von 2000 Konsument:innen im Alter von 14-66 Jahren

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