CEresearchNRW: Living Labs – Innovationsräume für Nachhaltigkeit und Zirkularität?

Friederike von Unruh vom Prosperkolleg Team.

von Friederike v. Unruh

CEresearchNRW Web-Seminar

Am 01.07.2021 im 14. Web-Seminar des CEresearchNRW-Netzwerks drehte sich alles um das Thema Living Labs, mit der Frage, ob diese Innovationsräume für mehr Nachhaltigkeit und Zirkularität seien. Julius Piwowar sowie Dr. Johanna Meurer und Michael Ahmadi waren der Einladung als Referent:in ins Forschungsnetzwerk gefolgt und stellten Auszüge ihrer Forschungsarbeit vor. 

„Nachhaltigkeits- und Designperspektive verbinden“

Nach einer kurzen Begrüßung aus dem Prosperkolleg ging Julius Piwowar (Wuppertal Institut, Abteilung nachhaltiges Produzieren und Konsumieren) darauf ein, was Living Labs überhaupt sind und welche Herausforderungen und Erfolgsfaktoren beim Aufbau einer Living Lab-Infrastruktur entstehen. Dabei beschrieb er Living Labs als Innovationsstrukturen mit hohem Praxisbezug, die eine aktive Nutzerintegration, praxisnahe Experimente und Multidisziplinarität aufweisen. Sie können in verschiedenen Innovationsbereichen genutzt werden, wie zum Beispiel Wohnen, Ernährung oder Mobilität. Auch spielen sie in der der Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung eine wichtige Rolle sowohl mit dem Fokus auf das Konsumenten- als auch das Produzentenverhalten. Ein gemeinsames Gestalten mit Nutzer:innen kann stattfinden sowie die Erforschung ihres Verhaltens und dessen Veränderungen. Ein Augenmerk bei der Untersuchung des Konsumentenverhaltens liegt in der Nachhaltigkeitsforschung auf Produkt-Dienstleistungssystemen, welche mit Hilfe von Assistenzsystemen den nachhaltigen Konsum anregen können. Als Beispiel nennt Herr Piwowar ein Assistenzsystem „Piaf“ zur Unterstützung des Energieeinsparungsverhaltens von Nutzer:innen in Büro- und Verwaltungsgebäuden, welches im derzeitigen Projekt ComfortLab entwickelt und erprobt wird.

Wenn Living Labs als Forschungs- und Innovationsansatz gewählt werden, existieren verschiedene Phasen der Nutzerintegration. Zunächst werden Nutzer:innen beobachtet, etwa um Stoffströme zu analysieren und Handlungsmuster zu erkennen. In der nächsten Phase werden daraufhin zum Teil mit Nutzer:innen Prototypen entwickelt, die anschließend getestet werden. In der letzten Phase werden Feldtests durchgeführt. Über den ganzen Prozess hinweg können Nachhaltigkeitspotenziale und Designaspekte bewertetet werden, wie zum Beispiel die Usability. Durch derartige Innovationsräume können reale Nutzerperspektiven gewonnen werden. Dies ist entscheidend, da Nutzer:innen ihre Bedürfnisse nicht immer konkret zum Ausdruck bringen.

Um herauszufinden, worin die Herausforderungen und Erfolgsfaktoren beim Aufbau einer Living Lab Infrastruktur liegen, hat Herr Piwowar Interviews mit Living Lab-Betreiber:innen aus unterschiedlichen Ländern geführt. Herausforderungen sind die Finanzierung der Labore nach Auslaufen der Förderung oder auch die eigene Laborleistung zu kommunizieren und zu vermarkten. Zudem ist es schwierig flexiblen Prozessen eine Struktur zu geben. Auch können politische Regelungen das Experimentieren in bestimmten Bereichen verbieten. Darum ist es wichtig und notwendig, nicht nur auf öffentliche Fördermittel zurückzugreifen, sondern auch private Mittel zu akquirieren und gegebenenfalls ein Start-up zu gründen.

„PRAXLABS statt Labor -Nachhaltigkeit in regionalen Forschungsinfrastrukturen“

In einem zweiten Vortrag sprachen Dr. Johanna Meurer und Michael Ahmadi von der Universität Siegen über „Nutzerzentrierte Forschung zum Thema Mensch-Technik-Interaktion in gesellschaftsrelevanten Bereichen“ und stellten das Living Labs-Konzept PRAXLABS der Uni Siegen vor. Hier sollen Lösungen gefunden werden, die im Alltag überzeugen. Ein Fokus liegt auf der Entwicklung von Technologie sowie der Einführung und Nutzungsphase von Technologie. Neue Ideen für Endnutzer:innen, Haushalte und Arbeitnehmer:innen sollen generiert und in der Praxis evaluiert werden. Hierbei werden in jeder Phase unterschiedliche Methoden verwendet: Um zunächst den Kontext zu verstehen werden zum Beispiel Interviews, Fragebögen und Beobachtungen eingesetzt, zur Generierung der Ideen Workshops, Fokusgruppen und Participatory Design. Im iterativen Design-Prozess werden Usability Tests, Workshops oder Labor- und Feldtests verwendet. In der Realwelt werden die Lösungen unter anderem mit Logging, Interviews, Fragebögen, Beobachtungen oder Online Partizipation evaluiert.

In dem Forschungs- und Entwicklungsprojekt SehrMobil wurden z.B. innovative Mobilitätskonzepte für ältere Menschen in der Region Siegen-Wittgenstein untersucht und in den PRAXLABS mitgestaltet, um die soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu fördern. Hierfür wurde ein multimedialer Zugang für die Nutzer:innen ausgearbeitet bestehend aus Smartphone, Computer via Website und Smart TV. Mobilitätskonzepte sind in ländlichen Regionen wichtig, da Gemeinden häufig nicht gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln angebunden sind und somit das Auto eine sehr große Bedeutung hat. Dies kann gerade im Alter zu Problemen führen. Um Alltagsmobilität in der Region besser zu verstehen, wurden Interviews geführt und sieben Mitfahrten durchgeführt. Hierbei hat sich gezeigt, dass das Auto für viele Bewohner:innen für ihre Unabhängigkeit wichtig ist. In gemeinsamen Treffen wurden daraufhin neue Mobilitätsideen generiert und besprochen. Im iterativen Designprozess wurde die entwickelte Mobilitätsapp nutzerfreundlicher gestaltet und auf ihre Alltagstauglichkeit angepasst. In der letzten Phase wurden Interviews in Kombination mit digitalen Mobilitätsprotokollen durchgeführt und herausgefunden, dass die Smartphones den Mobilitätsalltag vereinfachen und unterstützen können, z. B. mit Bildern von Orten in Hinblick auf Ihre Barrierefreiheit. Zudem wurden Interviews in Kombination mit einer Nutzerstudie durchgeführt, um nachhaltige Alltagsmobilität besser zu verstehen.

Vorteile des Living Labs-Konzepts sind die Einbindung unterschiedlicher Akteure (potentielle Nutzer, Forschungseinrichtungen, Industrie, öffentliche Institutionen), die Langzeitevaluation, die Nutzerintegration, das Beobachten des Nutzungsverhaltens sowie Verhaltensänderungen oder auch die Steigerung des Innovationspotenzials. Zu den Herausforderungen gehören die Motivation der Nutzer:innen, ein hoher Zeitaufwand, das Kreieren sozialer Dynamik zwischen Nutzer:innen und gestaltenden Akteur:innen und das Reagieren auf nicht vorhersehbare Einflüsse in der Praxis.

Abschließend kann gesagt werden, dass Living Labs die Gestaltung zirkulärer und nachhaltiger Lösungen fördern können, dafür aber auch Nutzer:innen sich aktiv einbringen müssen.

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